Fußball

Infrastruktur bricht zusammenDer Schalker Fußball-Wahnsinn sorgt für Ekstase - und riesiges Chaos

03.05.2026, 07:10 Uhr
imageVon Tobias Nordmann, Gelsenkirchen
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Miron Muslic lässt sich feiern. Der Trainer verlängert bis 2028 beim FC Schalke 04. (Foto: REUTERS)

Vom Sorgenkind zum Aufsteiger: Die Bundesliga-Rückkehr versetzt Schalke 04 und die Stadt Gelsenkirchen in einen Ausnahmezustand. Der Aufstieg ist nicht die einzige gute Nachricht.

Timo Becker stank. Er stank offenbar bestialisch. Diese Warnung gab er in den Katakomben der Schalke-Arena allen mit auf den Weg, die ihn umarmen wollten. Und das waren viele. Aber, Pardon, scheißegal, Aufstieg ist nur einmal im Jahr. Oder ein allerletztes Mal im Leben aller Königsblauen. So schön die Bilder waren, sie schreien in Gelsenkirchen-Erle nicht nach einer Wiederholung. Nie mehr. Der FC Schalke ist zurück in der Fußball-Bundesliga, er besiegte Fortuna Düsseldorf mit 1:0 und möchte nun nie mehr zweitklassig sein. Der FC Schalke will wieder den BVB haben, den FC Bayern. Nicht mehr Elversberg, nicht mehr Darmstadt. Große Bühne, große Welt.

Aber erst mal Chaos. Am späten Samstagabend war Gelsenkirchen außerhalb der Arena-Mauern stillgelegt. In diesen herrschte eiserne Disziplin. Der Rasen gehörte der Mannschaft, die Tribünen den Fans. Der befürchtete Platzsturm blieb aus. Das Stadion ist dafür nicht gemacht, die Gräben sind zu tief. Es herrscht Lebensgefahr. Es war ausreichend gewarnt worden. Und in der völligen Ekstase herrschte bemerkenswerte Gruppendisziplin. Nicht aber draußen. Der Betrieb der Straßenbahnen wurde eingestellt. Zu viele Fans auf den Gleisen und zu viel Pyro nah der Oberleitungen. Nach dem beeindruckenden Fanmarsch am Nachmittag mit weit über 20.000 Schalkern wurde in Gelsenkirchen am Samstagabend wieder gewandert. Scheißegal, Aufstieg ist nur einmal im Jahr.

Während die Schalker vor Glück völlig frei drehten, arbeitete die Fortuna ihr Protokoll ab. Sie gaben Interviews und wollten die Pressekonferenz mit Trainer Alexander Ende pflichtschuldig durchführen. Aber im Medienraum war niemand, alle feierten. Also improvisierte Ende und quatschte kurz mit den Journalisten, die etwas wissen wollten. Viele waren es nicht. Seine Kernbotschaft: Der Weg stimmt. Düsseldorf bleibt aber akut gefährdet.

Ausgangssperre bis 7 Uhr

Bis tief in die Katakomben hinein war das gigantische Beben zu hören, das sich weiter oben abspielte, im Innenraum des Stadions, den die Schalker einfach nicht verlassen wollten. Und wenn es nach dem bestialisch stinkenden Timo Becker gegangen wäre, wäre in der Arena eine Ausgangssperre bis 7 Uhr verhängt worden. So lange wollte der Party-Kapitän den größten Moment seiner Karriere gemeinsam mit den Schalkern feiern.

Sie hatten keine Zweifel gehabt, dass dieser Abend ihrer werden würde. Nicht die Spieler, nicht die Fans, die bis zu 500 Euro auf dem Zweitmarkt für ein Ticket ausgaben und dafür Stress mit ihren "Alten" riskierten, die um gleich mehrere Wocheneinkäufe fürchteten.

Und erst recht nicht der unerschütterliche Miron Muslic, der große Gelsenkirchener Zenturio. Der sorgte nach dem Schlusspfiff um 22.24 Uhr für seltene Bilder. Der Emotionsvulkan, in den sich der Verein schockverliebt hat, stand alleine auf dem Rasen und betete augenscheinlich. Der 43-Jährige wollte für sich selbst realisieren, was er da geschafft hat. Dieser Aufstieg wird auf ewig mit seinem Namen verbunden bleiben. Muslic hat den lange bestens florierenden Schalker Industriezweig "Trainerverschleiß" vorerst lahmgelegt. Für die alte, darbende Kohle-Metropole zwischen Autobahnen und Emscher ist das eine der wenigen guten Nachrichten.

Und eine weitere gab's mitten in den Feierlichkeiten: Der im nächsten Sommer auslaufende Vertrag des bereits jetzt schon ikonisch verehrten Trainers wird verlängert, bis 2028. Die Arena bebte. Es war ein immenser Stresstest fürs Fundament. Nun geht es ab Sommer in der Bundesliga weiter: "Schalke ist ein Gigant. Es bedeutet uns alles. Ich bin der glücklichste Trainer in Deutschland. Das bin ich jetzt - und das werde ich zumindest auch die nächsten zwei Jahre bleiben", so Muslic, der sich immer wieder auf die Brust klopfte. Aufs Herz. Nur Liebe. Nur Beben. Nur Schalke.

Sind die Schalker verrückt geworden?

Was waren die Gelsenkirchener Bosse für verrückt erklärt worden, als sie den Österreicher im Sommer 2025 vorstellten. Der klamme Klub hatte sogar eine mittelhohe sechsstellige Ablöse (!) für den Mann bezahlt, der zuvor mit Plymouth Argyle aus der zweiten englischen Liga abgestiegen war. Himmelherrgott, was war denn nur in sie gefahren? Man konnte ja nicht mal mehr alle Trainer der zehn Jahre zuvor aufzählen. Es waren zu viele gewesen. Und jetzt zahlten sie sogar Geld für den nächsten. Da sollte jemand alle offenen Wunden heilen, den niemand kannte. Der eine Geschichte des sportlichen Misserfolgs schulterte. Darauf erstmal ein Pils. Oder mehrere.

Aber Muslic war ein Plan von Sportvorstand Frank Baumann. Der, so heißt es auf Schalke, hatte den Trainer schon lange auf dem Schirm. Baumann klopfte aber dennoch die Expertise auf allen Ebenen sorgsam ab, fragte Scouts, Ex-Spieler, Fachleute aus den Medien. Und die KI-App "Statslibuda". Baumann, damals noch nicht lange im Amt, wusste: Geht die Trainerwahl schief, wird's schnell ruppig. Schalke ist eben ehrlich. Authentisch.

Und unter Muslic eine Mannschaft, die verdammt ekelig ist. Seine Fußballer gehen jedem Gegner mächtig auf den Sack. Wie eine Horde wilder Stiere jagen sie unermüdlich den Ball. Aggressiv, intensiv. Allen voran Soufiane El-Faouzi, bei dem man sich manchmal fragt, ob er wirklich nur einer ist oder doch ganz viele. Er ist eine Spinne in einem riesigen Netz. So klein er auch ist, sein Hunger ist unstillbar. Wo der Ball ist, ist mindestens ein El-Faouzi. Wo potenzielle Lücken sind, ist ein anderer. Er ist ein Gesicht der Saison. Ein Spieler, ohne den diese Eskalation nicht möglich gewesen wäre. Große Vereine sind interessiert. Ein anderes Gesicht: Hasan Kurucay, der wieder einmal bis über die Schmerzgrenze kämpfte und spät ausgewechselt werden musste, weil nichts mehr ging.

Karaman baut sich selbst ein Denkmal

Und dann ist da noch Kenan Karaman. Wohl kein Fußballer im aktuellen Kader erzählt die Schalker Geschichte der vergangenen Jahre besser als der Kapitän. Ein Sehnsuchtsspieler war er nicht, als er 2022 kam. Karaman hatte schwierige Zeiten. In der Krise war er ein gerne genommener Blitzableiter. Vergessen. Karaman ist ein Held. Er hat alle Widerstände weggekämpft. Er ging voran, wenn es wild wurde. Er ging nicht, als die Fans ihren "Versagern" im vergangenen Sommer nach einer Katastrophensaison mit gerade so abgewendetem Super-GAU wenig nette Worten hinterherwarfen. Er hielt Brandreden, er malochte sich in eine Führungsrolle. Nicht erst in dieser Spielzeit. Und nun schuf er sein Denkmal.

Nach 15 Minuten landete der Ball mit etwas Glück beim Kapitän. Die Spinne El-Faouzi hatte ihn erobert, Adil Aouchiche hatte ihn weitergespielt und Karaman ihn ins Tor gehämmert. Schalke explodierte. Und wie. Die dröhnende Arena war nicht mehr einzufangen. Bis in den letzten Winkel der Stadt sollten die Gelsenkirchener hören, was passiert war. "Wir haben wirklich zwei Scheißjahre hinter uns", sagte Karaman mit tränenerstickter Stimme in der immer räuchertöpfigeren Arena: "Schalke gehört in die 1. Liga, da bleiben wir jetzt auch." Schluss mit Fahrstuhl, Feststelltaste jetzt.

"Right here, right now" wollten sie an diesem Abend aufsteigen. Flutlicht, Westschlager, Matchball. "Right here, right now" hatte ihnen Fatboy Slim beim Einlauf (vom Band) entgegengebrüllt. Am Himmel zuckten zum Anpfiff wie wild Blitze, es donnerte. Das waren schon ikonische Momente in der Arena. Und Schalke energetisch bis zum Anschlag aufgeladen.

Ein wenig zu viel. Denn sie zollten später ihrem heißblütigen Pressing im Dauersprint Tribut. Düsseldorf wurde vor allem in der zweiten Halbzeit immer stärker und war dem Ausgleich durchaus nah. Doch Loris Karius, ebenfalls eine Schalker Persönlichkeit der Saison, hielt nach 60 Minuten herausragend gegen Shinta Appelkamp. Der einstige Glamour-Boy ist eine Malocher-Ikone geworden. Das geht auch nur auf Schalke.

Im Winter wird auf Schalke alles verändert

Wie auch die Umstellung des Systems. In der Hinrunde machten die Königsblauen als Abwehrmonster ihr Ding. Auf historischen Pfaden verteidigten sie das Tor. Kurucay war da, Nikola Katic und Karius. Ein kompromissloses Triple-K. Aber die Geschichte war (zu) schnell auserzählt. Der Code, basierend nur auf Leidenschaft, entschlüsselt. Für den Aufstieg brauchte es mehr. Mehr Fußball, mehr Offensive. Muslic stellte seine Mannschaft um, entwarf einen neuen Plan. Er verklickerte das seinem Sportvorstand an einem späten Januarabend via Telefon. Kein Problem, befand er. Der Miron, der würde das schon machen. Was Baumann machte: Er holte sehr gute Fußballer: Dejan Ljubičić, Aouchiche oder Moussa Ndiaye. Und er holte Edin Dzeko, ein Sensationstransfer. Denn der alte Mann hatte eine gigantische Lust auf Schalke. Er traf, er ackerte, er liebte den Klub. Und dann verletzte er sich.

Die Gelsenkirchener pfiffen auch darauf. Die Opferrolle hatte Muslic ihnen ausgetrieben und bis in alle Ewigkeit untersagt. Radikale Akzeptanz. Moussa Sylla übernahm, der gar nicht mehr da sein sollte. Im Winter war er eigentlich schon an die MLS vertickt worden. Aber der Transfer nach New York platzte kurzfristig. Gegen Düsseldorf kehrte Dzeko zurück. Und mit ihm die Ruhe in seiner Mannschaft, bis zu seiner Einwechslung in der 69. Minute arg fahrig und nervös geworden war. Gegen den Abstiegskandidaten war kaum was gelungen. Plötzlich Zittern statt rauschender Dauerparty. Schalke erkämpfte sich fortan mit jedem Zweikampf das Selbstverständnis zurück. Und in der 86. Minute war es wieder so laut, so energetisch, wie es am Anfang gewesen war.

Sie rannten der 2. Liga davon. Aber sie trauten sich nicht, diese Flucht zu besiegen. Erst als Schiedsrichter Patrick Ittrich das Schalker Projekt mit seinem Abpfiff erfolgreich durchgewunken hatte, schrien sie: "Zweite Liga, nie mehr, nie mehr." Und sie meinen es ernst, bierernst. Und das ergossen sie über ihren vor Stolz platzenden Trainer, bei der Pressekonferenz. "Selbstbewusstsein ist alles - dieser Mann hat es geschafft, dass Schalke wieder eine Identität hat", sagte Herzensschalker Becker: "Das hat er sich verdient, er soll sich feiern lassen." Das tat er: "Da geht mir das Herz auf. Wir wissen, wie schwer der Rucksack war für uns, als wir begonnen haben. Die zwei letzten Spielzeiten waren brutal hart für alle - den Verein, die Fans, aber auch die Jungs. Und die haben eine unglaubliche Charakterstärke bewiesen und sich belohnt für eine grandiose Saison", sagte Muslic und klang dabei wirklich wie "der glücklichste Trainer in Deutschland."

Quelle: ntv.de

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